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Baitcasting: Einstieg in die Technik mit Multirolle und Baitcaster-Rute

Baitcasting: Einstieg in die Technik mit Multirolle und Baitcaster-Rute

Wer einmal gesehen hat, wie ein erfahrener Angler mit einer Multirolle zentimetergenau unter einem überhängenden Ast wirft, versteht sofort den Reiz des Baitcastings. Die Technik wirkt beim ersten Hinschauen kompliziert – und sie ist tatsächlich etwas anspruchsvoller als das klassische Spinnfischen mit der Stationärrolle. Wer die Grundlagen aber einmal verinnerlicht hat, möchte nicht mehr zurück.

Was ist Baitcasting überhaupt?

Der Begriff „Baitcasting" leitet sich vom englischen bait cast ab – also dem gezielten Auswerfen eines Köders. Im Kern ist es Spinnfischen, bei dem jedoch eine Multirolle (auch Baitcastrolle oder Baitcaster genannt) anstelle einer Stationärrolle eingesetzt wird. Der entscheidende Unterschied liegt im Aufbau: Beim Baitcaster liegt die Spule horizontal zur Rutenachse und dreht sich beim Wurf mit. Die Schnur läuft dabei gerade über die Spule ab – kein Abspringen, kein Drall, kein Tordieren.

Laut dem deutschen Wikipedia-Artikel zur Multiplikatorrolle wird zwischen klassischen Multirollen (überwiegend für das Trolling oder das Meeresangeln) und den Baitcastrollen unterschieden, die speziell für das Auswerfen von Kunstködern beim Raubfischangeln entwickelt wurden. Diese Baitcaster sind kleiner, leichter und mechanisch feiner abgestimmt als ihre großen Geschwister.

Wie funktioniert eine Multirolle?

Das Herzstück einer Baitcastrolle ist die frei drehende Spule. Beim Wurf gibt der Daumen die Spule frei – sie dreht sich mit dem fliegenden Köder mit und gibt Schnur ab. Sobald der Köder aufkommt, bremst der Daumen die Spule wieder ab. Klingt einfach, ist es aber nur mit Übung.

Das Bremssystem

Genau hier liegt die größte Herausforderung für Einsteiger: Dreht die Spule schneller als die Schnur abläuft – etwa wenn der Köder am Ziel aufkommt oder gegen den Wind fliegt – entsteht das berühmte „Vogelnest". Ein wirres Schnurknäuel auf der Spule, das im schlimmsten Fall Minuten kostet.

Moderne Baitcaster haben deshalb gleich zwei Bremssystemen, die ineinandergreifen:

  • Mechanische Bremse (Spool Tension Knob): Eine Stellschraube an der Seitenplatte, die die Spulenachse seitlich einklemmt. Je fester angezogen, desto langsamer dreht die Spule. Für Einsteiger: Diese Bremse eher zu fest als zu locker einstellen.
  • Fliehkraft- oder Magnetbremse: Bremst die Spule automatisch, wenn sie sich zu schnell dreht – abhängig vom Hersteller wird entweder auf Magnete (z. B. bei vielen Shimano-Modellen) oder auf Fliehkraftgewichte (z. B. bei Daiwa) gesetzt. Auch hier gilt: Anfangs lieber höher einstellen.

Die richtige Grundeinstellung erkennt man daran, dass ein angehängter Köder bei senkrecht gehaltener Rute langsam nach unten sinkt, die Spule aber keine freie Schnur abrollt.

Die richtige Rute fürs Baitcasting

Eine Standardspinnrute ist für die Kombination mit einem Baitcaster nicht geeignet. Baitcaster-Ruten unterscheiden sich in mehreren Punkten deutlich – eine Spinnrute nach Wikipedia-Definition ist für den Einsatz mit Stationärrollen konzipiert und hat dementsprechend andere Ringgröße und -abstände.

Was macht eine Baitcaster-Rute aus?

  • Kleiner, enger bestückter Führungsring: Da die Schnur gerade von der Spule abläuft, braucht sie keine großen Ringe zur Schnurverteilung. Enge Ringe halten den Schnurverlauf nah am Blank und verbessern die Wurfkontrolle.
  • Trigger-Griff: Ein kleiner Fingeraufsatz unterhalb des Rollenhalters sorgt dafür, dass die Hand beim Werfen sicher sitzt. Fast alle Baitcaster-Ruten sind daran sofort zu erkennen.
  • Rollen-Obermontage: Im Gegensatz zur Stationärrolle wird der Baitcaster oben auf der Rute montiert, der Rücken der Rolle zeigt nach oben.

Bei der Rutenwahl gilt: Das angegebene Wurfgewicht muss zum eingesetzten Köder passen. Zu leichte Köder lassen sich mit einer zu steifen Rute nicht auswerfen – das nötige Ruten-Laden kommt einfach nicht zustande. Typische Einsteiger-Setups im mittleren Wurfgewichtsbereich von 10 bis 40 Gramm sind vielseitig einsetzbar und verzeihen Anfängerfehler am ehesten.

Die Schnur: Geflochtene Schnur als erste Wahl

Mono- oder Fluorocarbon-Schnur funktioniert auf einem Baitcaster, aber geflochtene Schnur (Braid) ist für die meisten Anwendungen die bessere Wahl. Sie hat keine Eigenspannung, liegt gleichmäßig auf der Spule und überträgt Bisse direkt. Ein guter Startpunkt für den Einsteiger sind Stärken zwischen 0,10 und 0,14 mm Durchmesser (je nach Rohdurchmesser der geflochtenen Schnur, 10–20 lbs).

Wer direkt mit Braid fischt, sollte immer einen Fluorocarbon-Vorfach von einem bis zwei Metern Länge anbinden – das erhöht die Bisserkennung und ist für viele Raubfische unsichtbarer.

Die ersten Würfe: So geht's

Für die allerersten Versuche empfiehlt sich eine ruhige Umgebung ohne Hindernisse – ein offenes Feld oder ein freier Uferabschnitt ohne Bewuchs. Das Wichtigste:

  1. Mechanische Bremse fest einstellen, Magnete/Fliehkraft auf Maximum
  2. Einen mittelschweren Köder oder ein Bleistück im Zielgewicht anhängen
  3. Den Daumen locker auf die Spule legen – er muss die Spule beim Loslassen freigeben und beim Aufkommen des Köders sofort wieder abbremsen
  4. Den Wurf gleichmäßig und flüssig ausführen – kein abruptes Stoppen der Rute, sonst gibt die Spule unkontrolliert Schnur ab
  5. Nach jedem Wurf die Bremsen leicht lockern, bis man ein Gefühl für die nötige Spannung bekommt

Geduld ist hier keine Floskel: Selbst erfahrene Spinnfischer brauchen einige Sessions, bis der Baitcaster sich wirklich natürlich anfühlt.

Für welche Zielfische und Methoden eignet sich Baitcasting?

Baitcasting ist besonders bei Methoden beliebt, bei denen präzises Werfen und direktes Köderführen entscheidend sind:

  • Hecht und Barsch mit großen Gummifischen, Jerkbaits oder Crankbaits
  • Drop Shot und Texas Rig – die direkte Verbindung zwischen Hand und Köder ist mit einem Baitcaster kaum zu übertreffen
  • Twitching mit Hardbaits, wo jeder Impuls am Köder ankommen muss
  • Vertikalangeln vom Boot – hier erlaubt die Spulenfreigabe per Daumen eine sehr genaue Tiefenkontrolle

Der Deutsche Angelfischerverband (DAFV) vertritt über 530.000 organisierte Anglerinnen und Angler in Deutschland – und gerade unter den aktiven Raubfischspezialisten gehört die Multirolle heute zur Standardausrüstung.

Welcher Baitcaster für den Einstieg?

Wer nicht sofort viel Geld investieren möchte, ist mit einem Modell im mittleren Preissegment gut bedient. Marken wie Shimano, Daiwa und Quantum bieten solide Einsteigerrollen, die schon gut abgestimmte Bremssysteme mitbringen und ein breites Wurfgewichtsspektrum abdecken. Wichtig: Lieber eine Rolle wählen, die für das geplante Wurfgewicht passt, als das günstigste Modell zu kaufen.

Für Einsteiger eignen sich Low-Profile-Baitcaster besonders gut – sie liegen ergonomisch in der Hand, sind leicht und lassen sich einfacher bedienen als die größeren Rundrollendesigns.


Baitcasting ist kein Hexenwerk, aber eine Technik, die Übung verlangt. Wer bereit ist, die ersten Stunden in die Grundlagen zu investieren, wird mit einer Präzision, Köderführung und einem Angelerlebnis belohnt, das die klassische Stationärrolle in vielen Situationen einfach nicht bieten kann. Das erste Vogelnest gehört dazu – und das zweite und dritte wahrscheinlich auch.